Die Anatomie eines Infanterie-Regiments im Amerikanischen Bürgerkrieg

Dank der Perry-Brüder kann man einfach und preiswert in relativ kurzer Zeit Regimenter für den amerikanischen Bürgerkrieg ausheben. Allerdings muss man die Modelle zusammenbauen und dabei sollten ein paar Dinge beachtet werden. Manche Punkte könnten dem Leser als sehr pingelig erscheinen, aber ich gehe hier deshalb so ins  Detail, weil es den ein oder anderen hinterher sonst doch ärgert, etws falsch gemacht zu haben.

 

Nord oder Süd

Wohl die offensichtlichste Frage lautet, für welche der beiden Fraktionen stelle ich meine Einheit überhaupt auf. Bei einem Bürgerkrieg neigen natürlich beide Seiten dazu, ihre Soldaten ähnlich auszurüsten, der Teufel liegt aber wie immer im Detail. Inzwischen gibt es neben der generischen Infanterie auch Boxen für den Norden und den Süden. Da die Boxen für den Norden lange auf sich warten ließ, nutzen viele Spieler die Südstaaten-Box, um damit Nodstaatler dazustellen. Dabei sollte man aber zwei kleine Änderungen vornehmen. Zum einen waren die Trinkflaschen in der US-Army standardmäßig an den Kanten eher abgerundet. Im Süden waren die Kanten schärfer. Wer sehr detailverliebt ist, sollte hier mit einer Feile die Flaschen kurz abrunden. Als wesentlich wichtiger sehe ich aber die Kopfbedeckung an. Klassischerweise macht man wenig falsch, wenn man den Südstaatlern mehr Hüte verpasst, als den Nordstaatlern. Hieße im Umkehrschluss, dass man die Modelle der Südstaaten-Box mehrheitlich mit Mützen zusammenbaut, um Yankees darzustellen. Leider unterschieden sich die Kappen beider Armeen aber. Im Süden war der Mützendeckel von innen eingenäht, lag also etwas tiefer und die Mütze hatte keine so starke zylindrische Form. Im Norden bestand der Deckel aus aufliegender eingenähter Pappe, war also aufgesetzt und die Mütze insgesamt nach oben hin länger, was meistens recht frech genutzt wurde, um den Zylinder nach vorne abgelegt zu tragen. Im Grunde muss man sich die Mütze der Yankees ein bisschen wie ein in sich zusammen gefallenes Tschako vorstellen. Am besten nutzt ihr Mützen aus der generischen Infanteriebox. In der Regel bleiben da ja welche über. Das letzte Problem sind die Jacken. Die kurzen Shell Jackets wurden zwar im Norden getragen und waren bei der Truppe auch sehr beliebt, in der Herstellung waren sie aber deutlich teurer als die einfacher geschnittenen langen Jacken. Ab ca. 1863 dürfte die große Mehrheit der Soldaten am östlichen Kriegsschauplatz also längere Jacken getragen haben. Ein ganzes Regiment mit kurzen Jacken wäre daher in der zweiten Hälfte des Krieges eher unwahrscheinlich. Möchte man die Modelle trotzdem nutzen, kann man sie ja mit den neuen Yankees mischen. Die kommen alle mit langen Jacken daher. Für den westlichen Schauplatz, wo die Yankee-Soldaten oft schlechter ausgerüstet waren, kann man die kurzen Jacken sicher länger nutzen und auch mehr Hüte verteilen. Ach ja, westlicher Schauplatz heißt nicht, dass die westlichen Staaten (Wisconsin, Michigan, Ohio, Illinois und Minnesota) ihre Soldaten schlechter kleideten. Das hat eher was mit der allgemeinen Versorgungslage zu tun. Im Osten war die Infrastruktur viel besser und die Soldaten wurden allgemein besser versorgt, als im Westen. Ein Regiment aus Michigan, das im Osten kämpfte, war also ebenso gut versorgt, wie ein New Yorker Regiment.

22nd Massachusetts fertig

Befehl hin oder her – etwa 25% der Soldaten im Norden trugen keine vorschriftsmäßige Kopfbedeckung

Die Anordnung der Modelle

Die Angelegenheit steht und fällt mit der Basierung. Gängig sind 4 Modelle auf 40×40 mm Bases oder 6 Modelle auf 45×40 mm Bases. Obwohl man dafür ein Drittel mehr Modelle bemalen muss, ziehe ich die zweite Version vor, da sie optisch eher die eng geschlossenen Reihen der damaligen Zeit abbildet. Es spricht aber auch nichts gegen die sparsame Version. Am besten schaut ihr, was in eurem Umfällt gemacht wird, falls es schon aktive Spieler gibt. Aber zur Not kann man auch mit unterschiedlichen Bases zusammen spielen. Bei 6 Modellen auf 45×40 mm solltet ihr beim Aufkleben der Modelle aber aufpassen, dass sie auch wirklich nebeneinander passen. Sie sollten außerdem nicht zu weit nach rechts oder links über den Baserand hinaus ragen, weil sie dann andere Bases behindern. Ich finde eigentlich immer marschierende Modelle am praktischsten, weil man sie immer optisch sinnvoll anordnen kann, auch wenn das Regiment seine Formation ändert. Aber auch schießende Regimenter haben optisch ihren Reiz, sie sind nur eben nicht so flexibel. In Marschkolonne sieht das während des Spiels immer etwas seltsam aus. Habt ihr nur die neuen Boxen, habt ihr auch keine schießenden Modelle. Dann stellt sich die Frage nicht.

Wenn ihr Systeme wie Black Powder oder Kugelhagel spielt, ist es recht egal, wie viele Bases ihr nehmt. Ich persönlich mag fünf Bases in der Breite am liebsten, weil es den Eindruck einer Feuerlinie gut abbildet und ich die Fahnen und Offiziere alle auf ein zentrales Base stellen kann. Ich habe auch Versionen mit 6 Bases in der Breite gesehen, bei denen dann eine Fahne auf der 3. Base und eine auf der 4. jeweils ganz außen, also auch nebeneinander standen. Die Version gefällt mir aber nicht so gut, weil die Fahnen in Marschformation dann hintereinander und versetzt laufen. Mein erster Versuch mit nur drei Bases war ganz okay, wird auch in der „Battle in a Box“ von den Perrys so vorgemacht, ist aber nicht ganz so ansprechend und sieht doch etwas sparsam aus. Mein bevorzugtes System „Longstreet“ wertet eine Base als eine Kompanie, was bedeutet, dass ein Regiment im Idealfall 10 Bases haben müsste. Das ist mMn die Grenze des Darstellbaren. 5 Bases in der Breite und zwei in der Tiefe sehen schon sehr beeindruckend aus. Für unsere Standardspiele nutzen wir solche Regimenter aber eigentlich nicht, denn der Idealfall trat während des Krieges kaum ein. Wenn man sich mal die vier Regimenter der Union anschaut, die während der Schlacht von Gettysburg die berühmte Schlacht um den Little Round Top schlugen, dann wird das schnell klar. Das 201th Maine hatte weniger als 360 Soldaten, das 16th Michigan war zu diesem Zeitpunkt das kleinste der Regimenter mit nur etwa 200 Soldaten. Insgesamt brachten die vier Regimenter etwa 1350 Mann zusammen. Das zur Hilfe heraneilende 140th New Yorker schickte immerhin 526 Mann ins Gefecht.
Ihr seht schon, worauf ich hinaus will. 4-8 Bases dürften im Verlauf des Krieges eher der Realität entsprechen. Im Falle des 16th Michigan wären es eher 2-3 Bases, wenn man bei „Longstreet bleibt.

4th Michigan fertig

Krieg ist die Hölle – selbst wenn eine Base einer Kompanie entspricht, ist dieses Regiment nicht unrealistisch klein

Klassischerweise stellt man ins Zentrum einen Offizier, einen Trommler und ein bis zwei Fahnenträger. Für den Norden sollten es immer zwei sein, im Süden waren zwei Fahnen eher die Ausnahme, kamen aber vor. Dann gruppiert man weitere Bases mit 4-6 Soldaten drum herum. Dies ist allerdings historisch nicht korrekt. Der Trommler begleitete die Einheit nicht ins Gefecht. Die Fahnenwache bestand aus Sergeanten, der Colonel begleitete die Fahnen aber eigentlich nicht. Er hielt sich oft in der Nähe auf, wäre aber auf der benachbarten Base wohl realistischer eingeordnet. Begleitet wurde er dabei stets von einem Trompeter. Der neusten Perry-Box liegt auch ein Arm mit Trompete bei. An dieser Stelle ist mir die Historie nicht so wichtig. Bei mir gibt es Trommler, der Offizier und die Fahnen sind auf der gleichen Base. Oft stelle ich noch einen zweiten Offizier an den äußeren Rand des Regiments. Das lockert meiner Meinung nach die Optik etwas auf und so ein Regiment wurde ja von ca. 50 Offizieren und 140 Mannschaftsoffizieren begleitet. Wenn ich für Longstreet irgendwann Einheiten aus 10 Bases fertig habe, werden es wohl drei oder vier Offiziere pro Regiment sein. Im Zweifel hat man eh zu viele von denen aus der generischen Box über. Solltet ihr euch nur mit den neuen Boxen eingedeckt haben, habt ihr allerdings eher zu wenige Offiziere. Ihr könntet dann auf Zinnmodelle ausweichen oder bei den Perry-Brüdern die kommando-Gussrahmen einzeln bestellen. Idealerweise schließt ihr euch mit anderen für eine Sammelbestellung zusammen, um Porto zu sparen.

62nd PA Vol CG

Typisch für den Spieltisch, historisch aber nicht korrekt: Die Kommando-Base

Über Sir Leon

Mehr Spieler als Maler, mehr Sammler als Fertigsteller, seit 1995 im Wargaming-Hobby, starke Tendenz zu historischen Systemen und Massenschlachten. Trotzdem ist 28mm der bevorzugte Maßstab. Großes Interesse für das 18. und 19. Jahrhundert in Nordamerika und das europäische Mittelalter. Kommt beruflich aber zu selten zum Spielen und hält sich daher mit (alt)klugen Worten im Blog oder Foren bei der (Hobby-)Stange.