Die Anatomie einer Armee für das System „Longstreet“

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Das System „Longstreet“ von Sam Mustafa für den Amerikanischen Bürgerkrieg kann man auf zweierlei Arten spielen. Als sogenanntes Club-Game mit Punktwerten, für die man Einheiten kauft oder als Kampagne, für die jeder eine bestimmte Streitmacht zu Beginn erhält, die sich dann im Laufe mehrerer Spiele aber stark verändern kann.

Da es viel einfacher ist, erst einmal Club-Games zu bestreiten, um in die Regeln zu kommen und weil man dabei deutlich weniger Modelle braucht, gehe ich vor allem auf dieses System ein. Gehen wir von 200 Punkten aus. Idealerweise sollte jedes Regiment 5-6 Bases haben, um damit sinnvoll spielen zu können. Kleinere Regimenter werden meiner Erfahrung nach zu schnell aufgerieben. Longstreet wird in der Regel auf Brigadeebene gespielt, man kann aber auch durchaus kleine Divisionen aufstellen. Da wir 200 Punkte anpeilen, was ein guter Wert für ein Spiel von etwa 2 Stunden ist, wird es in unserem Falle eher eine durchschnittlich große Brigade. Außerdem könnt ihr mit diesem Leitfaden einfach einen Kumpel fragen, ob er mitmachen möchte und euch beide die „Battle in a Box“ kaufen – ja, jeder eine, sonst klappt es nicht, aber mehr braucht ihr sehr wahrscheinlich nicht.

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Meine eigene – fast vollständige – Sweitzer Brigade (2. Brigade, 1. Division, V. Corps)

Historisch – Fiktional – historische Fiktion
Der amerikanische Bürgerkrieg war ein Konflikt, in dem viele Generale ihr Handwerk erst einmal (oder neu) erlernen mussten. Daher kam es auf beiden Seiten zu regelmäßigen Neu- und Umorganisationen verschiedener Verbände. Die große Mehrheit der Brigaden hat sich im Laufe der Zeit verändern. Möchte ich also für den Bürgerkrieg eine Brigade aufstellen, die es wirklich gegeben hat, dann ist das durchaus möglich, es wird aber schwierig, diese Brigade im ganzen Krieg darzustellen. Eine Möglichkeit, dies hinzubekommen, ist, zusätzliche Kommandobases zu bemalen und diese ggf. auszutauschen. Das klappt gerade bei den Nordstaatlern nicht immer, weil sich bei einigen Regimentern auch schon mal die Uniform eines ganzen Regiments verändern konnte. Das 146th New York Infantry erhielt z. B. Anfang 1864 Zouave-Uniformen. Vorher trug es aber Standarduniformen.
Eine Alternative ist, einfach irgendwelche Regimenter zu bemalen und diese dann als erfundene Brigade zusammenzustellen. Die 1st Generic Brigade sozusagen. Ein Mittelweg, den ich sehr gerne bestreite, ist, einfach irgendeine Brigade zu irgendeinem Zeitpunkt zu bemalen und diese dann eben den ganzen Krieg hindurch so zu belassen. So werde ich auch im Folgenden vorgehen.

 

Schnelle Recherche per Internet
Es geht nicht darum, eine Doktorarbeit zu schreiben, sondern darum ein schönes, stimmiges Spiel zu haben und dabei groben Unfug zu vermeiden. Die englischsprachige Ausführung von Wikipedia reicht vollkommen, um sich eine Brigade auszusuchen. Bei größeren Schlachten gibt es immer eine zusätzliche Seite mit dem sog. „Order of Battle“, der Aufstellung der jeweiligen Armeen. Meiner Erfahrung nach, ist es sinnvoller, sich eine Brigade aus den ersten beiden Kriegsjahren auszusuchen. Das hat einen rein spielerischen Grund. Während ab 1863 die meisten Brigaden reine Infanterieverbände waren, gab es bis 1862 noch viele Mischverbände mit angeschlossener Artillerie und Kavallerie. Allzu tragisch ist es nicht, wenn man sich eine spätere Brigade aussucht und dann einfach Teile der Korps-Artillerie anschließt, aber eine komplette Brigade nach historischem Vorbild abzubilden empfinde ich einfach als angenehmer. Es kann außerdem sinnvoll sein, eine Brigade auszusuchen, die nicht so berühmt ist. Dann kann euch so leicht keiner ins Zeug reden und die bekannten Brigaden hat eh jeder. Daher werde ich hier an zwei Beispielen auch eher unbekannte Verbände nehmen.

Finaler Schlagabtausch

Der Norden – Besuch aus Ungarn
Ich wählte die Schlacht bei Cross Keys, während Jackson’s Shenandoah Valley Campaign im Jahr 1862. Die erste Brigade der Union hatte gleich die passende Größe und ausreichend Artillerie dabei. Außerdem lässt sich die Armee mit der „Battle in a Box“ von den Perrys schon sehr gut abbilden, wenn man bereit ist, die Südstaaten-Infanterie ggf. etwas umzubauen. Was dann noch fehlt, sind abgesessene Reiter.

Den Befehl über die Brigade hatte der ungarische Militär US-Brigadegeneral Julius H. Stahel-Számwald. Unter seinem Kommando standen fünf Infanterieregimenter: Das 8th, 39th, 41st und 45th New York und das 27th Pennsylvania. Hinzu kamen drei Batterien Artillerie, von denen wir mit der Box aber nur zwei abbilden können. Das reicht aber auch, man sollte es mit der Artillerie nicht unbedingt übertreiben. Netter Bonus ist, dass eine Batterie Haubitzen einsetze, wir diesen Geschütztypen also einsetzen können. Unsere Armeeliste sieht also wie folgt aus:

 

8th New York Infanterieregiment (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

39th New York Infanterieregiment (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

41st New York Infanterieregiment (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

45th New York Infanterieregiment (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

27th Pennsylvania Infanterieregiment (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

1 Batterie Light Rifles (2 Bases): 20 Punkte

1 Batterie Haubitzen (2 Bases): 14 Punkte

 

Ergibt bisher 159 Punkte, wir können also noch Reiter mit einpacken. Mit dem Material aus der Box kommen wir auf 6 Bases Kavallerie. Diese würden uns als motivierte Rekruten weitere 30 Punkte kosten. Praktischerweise finden wir in der Aufstellung der Union ein der Division angeschlossenes Kavallerieregiment: das 4th New York Cavalry. Da dann noch 11 Punkte verbleiben, können wir zwei Regimenter zu Veteranen der Stufe 2 aufwerten. Als Veteranen könnten wir das 8th und das 27th nominieren, da diese bereits vorher in Schlachten gekämpft haben. Man könnte aber auch einen kleinen Trick anwenden, um während des Spiels nicht zu vergessen, welches Regiment aus Veteranen besteht. Ihr nehmt einfach die Regimenter, die sich von den anderen deutlich abheben. Das wäre zum einen weiterhin das 27th, was als Pennsylvania-Regiment sehr auffällige Fahnen hat und zum anderen das 41st, weil es ein Zouaven-Regiment war. Daher sieht meine finale Armeeliste wie folgt aus:

 

8th New York Infantry Blenker’s German Rifles (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

39th New York Infantry Garibaldi Guard (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

41st New York Infantry Dekalbs Zouaves (5 Basen, Veteranen der Stufe 2): 30 Punkte

45th New York  Infantry 5th German Rifles (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

27th Pennsylvania Infantry (5 Basen, Veteranen der Stufe 2): 30 Punkte

4th New York Cavalry German Cavalry (6 Basen, Rekruten der Stufe 1): 30 Punkte

2nd Battery, New York Light (2 Bases Light Rifles): 20 Punkte

Battery C, West Virginia Light (2 Bases Haubitzen): 14 Punkte

 

Wie ihr seht, erzählt die Brigade schon eine sehr starke Geschichte. Die Mehrheit der Soldaten waren deutsche Einwanderer. Das 39th hingegen kam aus sehr vielen verschiedenen Ländern und trug statt der üblichen blauen State Flag eine italienische Trikolore. Zusammen mit den Zouaven und den Pennsylvania-Flaggen ist das auf jeden Fall keine Armee von der Stange.

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Warum nicht auch einmal US-Berufssoldaten aufstellen? Hier verteidigt das 18th United States eine Steinmauer gegen Rebellen.

Die Musterung der Truppen
Ich erwähnte ja bereits, dass wir hier auf die „Battle in a Box“ zurückgreifen können. Wir brauchen etwa 30 Modelle pro Infanterieregiment, da ich selbst meist 4 Modelle auf die Kommandobase stelle, reichen aber auch 28. Wenn man 4 Modelle auf 40×40 mm basiert, benötigt man nur 20 Modelle pro Regiment. In der Box sind 48 generische Infanteristen, 73 Südstaateninfanteristen und 24 Zouaven. Wir benötigen ca. 140 bis 150 Modelle an Infanterie. Die 12 Reiter und 4 Geschütze in der Box sind ebenfalls fest eingeplant. Idealerweise machen alle Modelle in einem Regiment ja immer das gleiche. Da die generischen Infanteristen zur Hälfte je schießen und je marschieren, haben wir hier 24 Modelle pro Regiment. Wenn wir also 40×40 mm nehmen, dann sind wir hier schon durch. Alternativ kann man auch darüber nachdenken, mit einem Südstaatler zu tauschen, der die gleiche Box hat oder eine weitere Box mit generischer Infanterie einzeln zu kaufen. Ähnlich verhält es sich bei den Zouaven, aber da kann man zur Not auch nur 5 auf die Bases stellen oder ein paar Südstaatler untermischen, denn selten war genug Material da, um wirklich ein ganzes Regiment mit den entsprechenden Uniformen auszustatten. Aber auch hier kann es sich lohnen, einen Südstaatler zu fragen, denn der braucht in der Regel weniger von den Modellen. Bleibt noch das Problem mit den abgesessenen Reitern, das eigentlich keins ist. Das 4th New Yorker war ein sog. Mounted Rifles Regiment. Wir würden Dragoner dazu sagen. Zwar rüstete die US-Armee ihre Reiter bereits vor dem Krieg mit Vorderlader-Karabinern aus, aber da wire s hier mit Freiwilligen zu tun haben, kann man sicher auch erst einmal Musketen nehmen. Wer eifrig ist, kann diese ja auch zu Karabinern umbauen. Dafür würden sich die generischen Schützen wohl gut eignen. Alternativ gehen auch einfach Zinnmodelle. Da gibt es einige von den Perrys, Foundry und 1st Corps, die recht gut zusammen passen. Unseren General können wir aus einem der beiden Generalgussrahmen basteln. Praktischerweise passt hier der Standardkopf des Modells wunderbar, ihr solltet ihm aber eher eine Mütze aufsetzen als einen Hut. Den zweiten General können wir für eine spätere Brigade aufbewahren oder mit auf die Base setzen, denn ein General hat ja auch einen Stab.

 

Vorschau 02Elemente der Stonewall-Brigade

 

Der Süden – Jackson’s Fußkavallerie
Idealerweise baut ihr euch zwei Brigaden, die wirklich aufeinander getroffen sind oder zumindest an der gleichen Schlacht teilgenommen haben. Im Falle von Cross Keys nehmen wir hier aus Ewell’s Division die 8th Brigade. Diese bestand aus 5 Louisiana-Regimentern. Das gibt uns die Möglichkeit, Regimenter mit 2 Fahnen aufzustellen, was ich persönlich schöner finde. Das ist aber keine Pflicht. Südstaaten-Spieler haben da eh immer etwas mehr Freiheit. Artillerie und Kavallerie in Ewell’s Division war in eigenen Brigaden organisiert, das macht aber nichts. Sie ist auf jeden Fall dabei gewesen. Da wir nicht die gleiche Armeeliste aufstellen wollen, was langweilig wäre, gehen wir voll auf Nahkampf:

 

6th Louisiana Infantry (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

7th Louisiana Infantry (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

8th Louisiana Infantry (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

9th Louisiana Infantry (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

Wheat’s Special Battalion (5 Basen, Veteranen der Stufe 1): 50 Punkte

 

Das sind bereits 150 Punkte. Kavallerie muss bei Südstaatlern natürlich mit und Artillerie sollte auf jeden Fall mit. Schweren Herzens würde ich hier nur vier Bases wilder Reiter einpacken (Rekruten der Stufe 1), um dann noch drei Kanonen (nach Wunsch Napoleons und/oder Light Rifles) in einer Batterie mitnehmen. Alternativ können wir auch mehr Kavallerie einpacken, dann wird es aber eine deutliche Unterlegenheit bei den Geschützen geben. Wir könnten Wheat’s Battalion aber auch zu Rekruten erklären. Das bringt uns wiederum 25 Punkte ein und ermöglicht mehr Reiter, ausreichend Artillerie und wir können auch die Infanterie noch verstärken. Daher also folgende Liste:

 

6th Louisiana Infantry (6 Basen, Rekruten der Stufe 1): 30 Punkte

7th Louisiana Infantry (6 Basen, Rekruten der Stufe 1): 30 Punkte

8th Louisiana Infantry (6 Basen, Rekruten der Stufe 1): 30 Punkte

9th Louisiana Infantry (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

Wheat’s Special Battalion (5 Basen, Rekruten der Stufe 1): 25 Punkte

6th Virginia Cavalry (6 Basen, Rekruten der Stufe 1): 30 Punkte

Raine’s Battery (3 Basen, 1 Napoleon, 2 Light Rifles): 30 Punkte

 

Macht glatte 200 Punkte für CS-Brigadegeneral Richard Scott „Dick“ Taylor und seine Tiger-Brigade. Tigers war eine Sammelbezeichnung für alle Regimenter aus Louisiana. Sicher stellt man sich die Südstaatler eher als Veteranen vor, allerdings sind Rekruten der Stufe 1 besser im Angriff, als Veteranen der Stufe 2. Veteranen auf Stufe 1 sind aber einfach so teuer, dass die armen Rebellen, wohl von den Yankees so böse zusammengeschossen werden, bevor sie einen Nahkampf sehen. Das macht dann auch keinen Spaß. So haben wir hier eine heißblütige Rebellenbrigade, die zwar böse austeilt, aber nicht so sehr einsteckt.

Vormarsch CSA

Die Musterung der Truppen
Mit der „Battle in a Box“ im Rücken sollten wir vor allem auf die Südstaateninfanterie zurückgreifen. Haben wir einen Yankee-Partner, wird er sicher auch ein paar Gussrahmen tauschen. Dann können wir fast alle Regimenter aus den neueren Modellen gestalten. Allerdings brauchen wir einige Modelle mehr, als der Norden in der Liste hat. Basieren wir auf 45×40 mm, brauchen wir immerhin 168 Modelle, was die Box schon an ihre Grenze – bzw. über sie hinaus bringt. Eine weitere Box CS-Infanterie muss also wohl noch dazu erworben werden. Dann reicht es aber sehr satt auch noch für abgesessene Reiter, so wir diese denn aus Kunststoff und mit eher unpassender Bewaffnung abbilden wollen. Sonst gilt auch hier: Zinnfiguren.

Unsere Zouaven können wir mehr oder weniger komplett an die Yankees abstoßen. Hier brauchen wir nur Modelle für eine Base, um sie in  Wheat’s Special Battalion zu packen.

Der General kommt aus dem Generalsgussrahmen, hier sollte man den alternativen Kopf nehmen, denn Taylor trug Vollbart.

 

Schlusswort
Die Armeelisten sind nur Ideen, Beispiele, keine Anleitung dafür, wie es laufen muss. Fühlt euch frei, eigene Ideen umzusetzen. Das hier ist nur eine Anregung und soll zeigen, wie leicht und schnell man aus einer kurzen Info aus dem Internet ein Armeeprojekt anstoßen und mit dem richtigen Material auch umsetzen kann. Lasst es mich wissen, wenn ihr wirklich mal diese beiden Brigaden nachbaut. Bin auf das Ergebnis sehr gespannt.

Über Sir Leon

Mehr Spieler als Maler, mehr Sammler als Fertigsteller, seit 1995 im Wargaming-Hobby, starke Tendenz zu historischen Systemen und Massenschlachten. Trotzdem ist 28mm der bevorzugte Maßstab. Großes Interesse für das 18. und 19. Jahrhundert in Nordamerika und das europäische Mittelalter. Kommt beruflich aber zu selten zum Spielen und hält sich daher mit (alt)klugen Worten im Blog oder Foren bei der (Hobby-)Stange.