Das System ist tot… lang lebe der Kapitalismus: Zur Causa Godslayer!

Zwei Dinge vorneweg: Was ist das hier? – Der Artikel erscheint hier in der Rubrik Grübelei und spiegelt damit allein die – natürlich unfehlbare – Meinung des Autors wieder. Warum das Ganze? – Anlass zu diesem Artikel waren kürzlich geführte Gespräche an Vereinsabenden und ein Meinungsaustausch im Drachental-Forum zum Thema Godslayer von Megalith Games, das zurzeit bei uns im Verein eine Renaissance zu erleben scheint. Den letzten Anstoß gab ein kürzlicher Kommentarartikel auf dem allseits bekannten Brückenkopf, wobei ich die Trolle Kommentare dazu meiner Gewohnheit entsprechend nicht verfolgt habe.

(Keine Zeit – Direkt zur Godslayerthematik und zum Fazit)

GS_textWann lebt ein System, wann ist es tot? – Ich höre es bei Vereinstreffen sehr oft: „Das System ist doch lange tot.“ „Das Spiel ist gestorben.“ oder sogar – ziemlich daneben „Das Ganze ist doch eine Totgeburt.“. So Geschmacklos der letzte Kommentar, so sehr würde ich diesem doch am ehesten zustimmen. Mit unzureichenden Voraussetzungen kann jedes Spiel einen Fehlstart erleiden. Gerne ist der Auslöser ein Kickstart(er), oft haben es aber auch schon herkömmlich in den Markt eingeführte Systeme nicht geschafft. Entweder war das Regelsystem nicht zuende gedacht, oder die Verfügbarkeit hierzulande zu stark eingeschränkt. Der Preis war auf Anhieb nicht kompetitiv kalkuliert oder die Minis von schlechter Qualität und manchmal einfach bei der Mehrheit als hässlich eingestuft. Also gut, Spiele die es auf Anhieb nicht schaffen, bleiben nur eine Notiz in der Geschichte oder ein Crowdfunding auf dessen Einschlag man nach drei Jahren noch wartet. Ok, so weit so abstrakt – fehlgestartete Spiele kennt wohl jeder spätestens mit dem Aufkommen von Kickstarter und Co zu genüge.

Doch was ist mit dem Sterben eines Systems? Das ist meiner Meinung schon schwieriger zu definieren und wird noch viel häufiger eher befürchtet als tatsächlich erlebt. Hat ein System erst einmal Abnehmer gefunden, wird ein Teil von ihnen hoffentlich auch zum Spieler (Es soll ja auch diese putzigen Systemsammler geben, die alles haben, aber eigentlich nichts spielen).

Beim Blick auf ein paar Systeme, die schon oft totgesagt waren, bilde ich mir ein, vor allem ein immer wiederkehrendes Muster in der Argumentation der Untergangspropheten zu entdecken: Schaut man einmal auf Warhammer Fantasy, so kann ich mich an keine Edition erinnern, zu dessen Einführung kein Abgesang stattfand. Der Schwerpunkt in der Argumentation liegt dabei oft in der Angst um die Spielbarkeit der eigenen Miniaturensammlung begründet. Kein anderer versteht es so perfide, seine Kunden zu gewaltigen Neuanschaffungen anzuregen wie GW. Mit jeder neuen Edition gab es tiefgreifende Wechsel in der Armeestruktur und eine klare Änderung des Balancings zu Gunsten der einen und zu Ungunsten der anderen Fraktionen. So wurde die Gewichtung von starken Einzelmodellen auf große Einheiten und schließlich auf überdimensionierte Großmodelle verlagert und einzelne Armeesammlungen der Chaoszwerge, die zu keiner anderen Armee kompatibel waren, tauchten plötzlich gar nicht mehr auf. Die sehr beliebten Chaosarmeen wurden zwischen einzelnen Krieger-, Bestien- und Dämonen-Listen und Kombinationen aus den dreien hin und her geändert, sodass der Spieler mehr zum Kaufen als zum Spielen angeregt wurde. Und jede einzelne dieser Änderungen hatte einen Abgesang zur Folge, der dann doch nie eintrat, weil die frühere Monopolstellung von GW einfach zu übermächtig war und die Mehrzahl der Spielergruppen aus verschiedenen Gründen mehr oder weniger blind folgte. Nun zuletzt schien es so weit, dass GW doch tatsächlich seine Fantasysparte begraben hat. Ich denke, auch das bleibt langfristig nur wieder eine Randnotiz und die bisher größte Umstrukturierung des Spiels, denn die Firma möchte wahrscheinlich weiterhin Geld verdienen. Doch bleiben wir kurz bei dem Gedanken, dass das klassische Warhammer Fantasy nun „gestorben“ wäre. Welche Konsequenzen hat das für die Spieler? Es ist doch weiterhin möglich, seine unzähligen Warhammer-Bücher heraus zu nehmen, sich mit einem oder mehreren Mitspielern auf eine Edition oder einen Mix daraus zu einigen und sich ein paar Geschichten und Szenarien auszudenken. Während des Studiums haben wir das damals getan. Wir haben uns in unserer kleinen Spielergruppe auf die sechste Edition mit ein paar Rosinen aus der Siebten und entsprechende Armeebücher, die damals sowieso oft Editionsübergreifend waren, geeinigt und noch lange so weiter gespielt. Auch jetzt kann ich beobachten, wie viele Spielergruppen einfach „ihr“ WH Fantasy nach den Regeln der letzten Edition weiterspielen. Die meisten Spieler haben ihre mehr als vollständigen Armeen, die Regeln sind, wenn auch meiner Meinung nach sehr schlecht, vollständig und neue Spieler finden bei GW selbst und bei zahlreichen Händlern noch auf Jahre hinaus die passenden Minis. Und darüber hinaus gibt es ja auch noch Wagenladungen Zinn, Plastik und … (was auch immer finecast ist) auf Bitboxen, Bring & Buys sowie im großen Internetauktionshaus.

Welche Argumente sprechen da noch gegen die Lebenserhaltung des Spiels? Um wieder etwas von dem ausgelatschten Beispiel WH Fantasy wegzugehen etwas allgemeiner:

Ein häufiges Argument ist die Kommunikation mit dem Hersteller, ohne die ein Spiel dem Tode geweiht wäre – Vielleicht ist es die Vernunft eines (auch) historisch Spielenden oder meine Definition von „Kommunikation“. Ein ausgereiftes und – um in der Bildsprache zu bleiben – gesundes System braucht meiner Meinung nach nicht allzu viel Kommunikation. Bücher und Armeelisten, zu denen es ein Errata und ein FAQ gibt oder die sich mit Spieleranpassungen durchgesetzt haben, sind meiner Meinung nach erwachsen und eigenständig. Der Wunsch nach der Kommunikation ist hier doch eher der Wunsch nach Innovation (die dann wieder ihre eigenen Kindheitsprobleme mit sich bringen, und sehr wohl wieder Kommunikation erfordern). Und diese Innovation ist meiner Meinung nach der Knackpunkt. Eine gewisse Auswahl an Miniaturen – oder abstrakter – an Spielelementen vorausgesetzt, ist der Wunsch nach Neuerungen doch bei den meisten Spielern der alleinigen Erwerbslust und Sammelwut geschuldet. Zugegeben, beides nicht zu vernachlässigende Anteile an unserem Hobby, aber meiner Meinung nach nicht der Grund, ein einzelnes Spielsystem abzuschreiben. SPIELEN kann man auch weiterhin, KAUFEN kann man auch woanders: Man kann sich ja auch zusätzlichen Spielsystemen zuwenden und ich kenne keinen einzigen Spieler, der das nicht sowieso nach der einen oder anderen Messe oder einem Demospiel im Club tut.

Ein weiteres Argument ist die Anzahl potenzieller Mitspieler – Zugegeben, wenn ein System nicht eine bestimmte kritische Masse erreicht und dann nicht oder sehr schlecht promotet wird, ist das ein Problem für den Gelegenheitsspieler vom Lande. Dank meiner Mitgliedschaft im Games `n Dice und häufigen Messebesuchen ist die Anzahl meiner potenziellen Mitspieler recht groß und bislang habe ich noch immer jemanden gefunden, der meinen Spielwunsch teilt oder den ich für ein System begeistern konnte. Solange die Bezugsquellen für ein Spiel bestehen, ist auch dies kein (Totschlag-)argument für mich. (Nach diesem Artikel werde ich kräftig in die Wortspielkasse einzahlen müssen)

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Moment mal, hat der Knilch nicht im Titel geschrieben, dass es hier um die aktuelle Entwicklung von Godslayer geht? – Ja, hat er. Also, jetzt aber endlich konkret zum Leben und Sterben von Godslayer (oder zum Einschlafen von Megalith Games):

Die Abwechslung – Ich spiele jetzt seit gut zweieinhalb Jahren Godslayer. Die Kickstarterkampagne habe ich damals verpasst / ausgelassen und bin mit dem englischen Regelbuch recht glücklich eingestiegen. Zum damaligen Zeitpunkt waren ausreichend Miniaturen released und wir konnten uns eindecken und schon in einiger Vielfalt Spiele veranstalten. Mittlerweile sind quasi alle Einheiten aus dem Regelbuch erhältlich und zu Lieferengpässen kam es meines Wissens nach auch noch nicht.

Das System – ist meiner Meinung nach großartig. Die finalen Errata sind erschienen und komplettieren das sehr gute Regelwerk. Die Regeln sind sehr unmissverständlich formuliert. Zum Teil liegt das sicherlich an der Anlehnung eines Teils der Regeln an Warmachine/Hordes, das ebenfalls ein sehr exaktes Regelsystem ist.

Die Minis – Die momentan erhältliche Miniaturenqualität ist ganz gut, Gussgrate halten sich in Grenzen und die Passform der meist mehrteiligen Miniaturen ist auch im Rahmen. Schwächen gibt es bei einigen Modellen der ersten Stunde (als man sich noch nicht bspw. Scibor für das Design der Nordgaard heranholen konnte) und bei filigranen Teilen, die unter der sehr weichen Legierung leiden. Alles in allem würde ich die Miniaturenpalette als durchschnittlich bezeichnen. Das Design ist natürlich eine Geschmacksfrage. Mir gefällt es außerordentlich gut.

Die Kommunikation – kommt in Schüben. Manchmal bekommt man von David ganze Kaskaden an zusätzlichem Fluff und Ideen zu Einheiten und den nächsten zwei Büchern im Forum präsentiert. In anderen Monaten herrscht absolute Funkstille und die Updates der Website lassen auf sich warten. Auch ein Update des offiziellen Errata-PDFs ließ zuletzt lange auf sich warten. Zumeist bekam man aber umfassende Antworten auf die wenigen Regelunklarheiten im Forum oder konnte selbige bereits dort finden.

Wie sich die Kommunikation nun nach dem Umbruch rund um den Weggang von einem der beiden Godslayer-Erfinder ändert, sei dahingestellt. Auch wenn die versprochenen Updates der frühen Modelle und eine Anpassung der Legierung an den Detailgrad filigraner Teile nicht (so schnell) erfolgen sollten finde ich, kann man nicht von einem toten System sprechen. Sollte nun jemand neugierig geworden sein: Die aktive Godslayer-Gemeinde im GnD treibt gerade zarte Blüten und wir sind jederzeit für ein Testspiel zu haben.

Fazit: Was will er denn nun noch, das reicht doch jetzt! – Nicht ganz, meine Antwort zum Leben und Sterben eines Spielsystems möchte ich noch formulieren: Solange es noch Bezugsquellen für ein funktionierendes Spielsystem gibt, kann es nur durch die Spieler, aber nicht durch die (Ignoranz des) Herstellers begraben werden. Historische Spielsysteme sind davon sogar ausgenommen und damit quasi unsterblich, da aufgrund unzähliger Miniaturenhersteller immer eine Bezugsquelle besteht. Godslayer lebt dagegen natürlich neben den Spielern auch von der Verfügbarkeit der Miniaturen. Die sehe ich aber (auch langfristig) nicht in Gefahr, womit das Spiel für mich lebt.

Über hel

... schreibt gerne ausschweifend über dieses und jenes. Besonders interessieren ihn gerade Freebooter's Fate, Bolt Action und Godslayer sowie generell alles was mit Bemalen und Basteln zu tun hat.