Die Belagerung von Neuss

Im Sommer des Jahres 1474 marschierten vor den Toren der Stadt Neuss große Verbände der Armee von Burgund unter der Führung des berüchtigten Herzogs Karl der Kühne auf. Im Rahmen der Kölner Stiftsfehde belagerten die Burgunder die Stadt fast ein Jahr lang. Unter großen Entbehrungen und Mühen, aber auch mit Hilfe ihrer Verbündeten aus der Stadt Köln, erwehrten sich die Neusser der Belagerung, bis es 1475 zur Entscheidung kam…

 

Für 2015 planen Ferro und Sir Leon etwas Großes! Ein historisches Projekt mit zwei Armeen, die sich direkt gegenüber standen und deren Geschicke in einem Konflikt entschieden wurden, der praktisch vor der Haustür der beiden Spieler stattfand. Die beiden werden ihr Projekt hier auf dem Games ‘n Dice Blog begleiten. Ein so großes Projekt bedarf natürlich einer gewissen Vorbereitung und hat vor allem immer eine Vorgeschichte. Zunächst erklärt Sir Leon, wie es zur Idee kam:

 

Wie alles begann…

Wir waren dieses Jahr auf der Crisis und es ist gute Sitte geworden, dass wir zur Halbzeit der Convention die Hallen verlassen, um draußen etwas zu Essen einzunehmen. Die frische Luft kann nach ein paar Stunden echt nicht schaden. Dieses Jahr sprach Ferro mich an, ob ich ein gutes Regelwerk für das 15. Jahrhundert empfehlen könnte. Daraus entwickelte sich ein längeres Gespräch, aus dem sich ergab, dass Ferro auf der Crisis einige Boxen der Perry-Zwillinge erworben hatte, die schon zusammen eine solide Armee für die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts abgeben würden. Obwohl es nicht mehr unterstützt wird, schlug ich ihm Warhammer Ancient Battles vor, da wir die meisten Regelwerke des Systems im Verein haben. Zu diesem Zeitpunkt hielt ich die Sache für erledigt. Ferro wollte eine 0815-Armee des Rosenkrieges basteln, was auch Sinn macht, da das Setting international sehr beliebt ist und es sein erster Gehversuch im historischen Wargaming vor der Neuzeit ist. Da mich das Setting aber gar nicht reizt, machte ich einen geistigen Haken hinter die Sache.

Armies of ChivalryIn diesem Armeebuch findet man fast alle Armeen für das Spätmittelalter.
Nur leider keine Skandinavier!

…und dann ganz anders kam.

Durch einige Umwege in Form des Tausches einer alten 40k-Armee, kam ich vor kurzem ebenfalls  an einige Boxen der Perry-Modelle. Ich hatte noch keinen echten Plan dafür, wollte aber in naher Zukunft eine weitere reine Kunststoff-Armee aufstellen. Dafür bieten sich Produkte der Zwillinge ja an. Ich blätterte also durch die beiliegenden Faltblätter und überlegte mir, was für Armeen ich mit den Sets aufstellen könnte. Mir schwebten kleine WAB-Armeen vor und plante gleich zwei Streitkräfte, da ich nicht davon ausging, dass jemand aus dem Verein mit in das Setting einsteigen wollte. Zunächst dachte ich über einen Konflikt in Skandinavien nach, doch dann fiel mir ein, dass Ferro ja auch entsprechende Sets hatte. Wir sprachen darüber, er bekundete Interesse, erklärte aber, dass er bereits über dreißig Modelle als Langbogenschützen zusammen gebaut hatte. Die gab es zwar auch in Skandinavien, aber in der verhältnismäßig hohen Stückzahl erschien uns das ganze eher unpassend. Hinzu kam, dass wir für diese Armeen selbst eine Armeeliste hätten erstellen müssen, denn spätmittelalterliche Skandinavier werden von der entsprechenden WAB-Erweiterung nicht berücksichtigt.

Ich hatte nun aber die Witterung aufgenommen und wollte die Idee nicht mehr loslassen, das Projekt mit Ferro aufzuziehen. Mit dem Rosenkrieg wollte ich mich aber noch nicht abfinden, ich ersann mir also einen Plan und begab mich dann auf die Suche nach einem passenden Konflikt. Diese etwas verkehrt herum anmutende Betrachtung von Geschichte war mir während meines Studiums schon öfters begegnet. Man hat eine auf bestimmte Argumente beruhende These und sucht dann nach diesen Vorgaben passende Belege. Hier war es nur keine These, sondern eben spielerische Voraussetzungen, die das gesuchte Ereignis erfüllen musste. Diese Voraussetzungen lauteten:

  • Es musste eine recht bekannte Konfliktpartei in den Streit involviert gewesen sein. Für jemanden, der seine erste Armee in einer Epoche aufbaut, ist es in meinen Augen sinnvoll, wenn man sich bekannten Themen widmet. Da ist die Quellenlage meistens besser und man findet leichter passende Gegner.
  • Diese gesuchte Konfliktpartei musste über Langbogenschützen verfügen.
  • Es musste sich um einen Konflikt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts handeln.
  • Der zweite Teilnehmer des Konflikts sollte ruhig etwas exotischer sein, sich aber mit den Perry-Boxen gut darstellen lassen können.
  • Lokalgeschichtliche Themen werden bevorzugt.

Mit diesen Punkten im Hinterkopf, stieß ich sehr schnell auf die Armee Burgunds. Die Burgunder sind sehr bekannt und dominieren die Schlachtfelder Kontinentaleuropas in dieser Zeit. Sie verfügten über sehr breit aufgestellte Truppen, zu denen auch eine beträchtliche Anzahl englischer Langbogenschützen gehörten. Da ich mich ansonsten recht wenig mit dieser Epoche auskannte, besorgte ich mir etwas Literatur und ein paar ältere Ausgaben der Wargames, Soldiers and Strategy. Dort war in einem Artikel die Belagerung von Neuss die Rede. Mit der Belagerung befanden sich die Burgunder auf dem Zenit ihrer Macht. Eine Stadtstaaten-Armee aus dem Heiligen Römischen Reich war für meine Begriffe exotisch genug und so formte sich langsam ein Projekt vor meinem geistigen Auge. Mit diesem neuen Plan trat ich noch einmal an Ferro heran.


Die ideale Grundlage für alle europäischen Armeen zwischen 1450 und 1500:
Die European Infantry von den Perry-Brüdern.

 

Wie Ferro an die Burgunder geriet…

 

Wie wohl die meistens Jungs habe ich schon immer ein Interesse für das Mittelalter gehabt; insbesondere das Spätmittelalter (also das 15. Jahrhundert) hat es mir angetan, da ich die „geschmeidigen“ Rüstungen aus dieser Epoche mag und mir zudem das „Übergangsgefühl“ dieser Epoche kurz vor Beginn des Renaissance zusagt. Das Problem ist nur, dass die meisten Table Top Spieler sich eher auf das Hochmittelalter, speziell die Kreuzzüge, beziehen, da dies in den Köpfen vieler einfach DIE Epoche der Burgen, Ritter und Burgfräulein war. Aus diesem Grund ist es schwer, Spieler aus der gleichen Epoche zu finden und diese beziehen sich dann meistens auf die Rosenkriege, in die auch ich zuerst einsteigen wollte; einfach weil die Boxen der Perry Brüder ja dafür designt sind.

 

Daher habe ich mir einen Ruck gegeben und mich auf der Crisis 2014 in Antwerpen mit mehreren Boxen dieser Leute eingedeckt. Ziel war es ursprünglich, ein prächtiges Mittelalterliches Heer zu zaubern. Da es aber wie oben geschrieben, mir schwer fiel, passende Mitspieler zu finden, änderte ich meinen Plan und entschloss mich, erstmal eine Armee für das gerade so gefragte Mittelalterspiel Lion Rampant aufzustellen (wozu ich an der Stelle das Review von hel empfehlen möchte). Der Vorteil dieses Systems ist vor allem, dass es nicht Epochen gebunden ist und theoretisch ohne Probleme frühmittelalterliche Normannen gegen Spätmittelalterliche Yorkisten kämpfen könnten (ein Schwert bleibt eben ein Schwert; gleich in welcher Epoche man damit einem die Rübe runterhaut).

 

Umso überraschender war es, als SirLeon mich darauf ansprach, nicht doch mit Warhammer: Ancient Battles was Spätmittelalterliches im klassischen Stil zu machen. Mein interesse war geweckt; denn so könnte ich doch noch mein großes Herr führen. Da er jedoch kein Faible für die englischen Kriege dieser Zeit hatte, mussten wir uns auf eine andere Epoche einigen. Zuerst war die Kalmarunion im Gespräch, doch die war mir ehlrich gesagt etwas zu exotisch und auch uninteressant. Zudem würde es hier schwer fallen, die englischen Truppen der Perries (insbesondere die berühmten Langbogenschützen) einzusetzen.

 

Dann schlug Sir Leon die Belagerung von Neuss und das Burgundische Heer von Karl dem Kühnen (engl.: Charles the Bold) vor. Dieser Konflikt war deutlich interessanter, da er quasi direkt vor der Haustür stattfand und dadurch ein lokaler Bezug gegeben war. Zudem setzten die Burgunder als einer der politisch einflussreichsten Fraktionen zu der damaligen Zeit ein breit gefächertes Söldnerherr ein, so auch Bogenschützen von der Insel. Der Vorteil daran war auch, dass man aus einem breiten Fundus an Figuren schöpfen kann (die Burgunder sind quasi die Ultramarines des Spätmittelalters). Als Sir Leon mir dann einen Artikel über die Belagerung von Neuss, der auch einige Details zum Burgunderheer enthielt, zukommen ließ, war mir dann klar, dass ich dabei bin.

 

Ich hoffe, dass aus diesem doch ehrgeizigen Projekt was wird. Nachdem ich meine aktuellen Bemalprojekte abgeschlossen habe, werde ich damit beginnen, die ersten Truppen auszuheben (sprich zusammen zu bauen) und auszurüsten (sprich zu bemalen). Natürlich wird es demnächst dazu auch weitere Artikel auf dieser Seite von meinerseits (und hoffentlich auch von SirLeon) geben. Lediglich die Komplexität des WAB Regelwerks bereitet mir etwas sorgen, aber auch dass kann gemeistert werden.

Über Sir Leon

Mehr Spieler als Maler, mehr Sammler als Fertigsteller, seit 1995 im Wargaming-Hobby, starke Tendenz zu historischen Systemen und Massenschlachten. Trotzdem ist 28mm der bevorzugte Maßstab. Großes Interesse für das 18. und 19. Jahrhundert in Nordamerika und das europäische Mittelalter. Kommt beruflich aber zu selten zum Spielen und hält sich daher mit (alt)klugen Worten im Blog oder Foren bei der (Hobby-)Stange.